Mittwoch, 16. September 2009

Ich habe nichts zu verbergen! Oder doch?

Piratenparteianhänger und Datenschützer sehen sich immer wieder mit der kurzsichtigen Aussage "Ich habe nichts zu verbergen!" konfrontiert.

Wenn Du das auch von Dir denkst, frage Dich mal, inwiefern die folgenden Eingriffe des Staates in Deine Privatsphäre betreffen.

Vorratsdatenspeicherung

Kurzzusammenfassung: Es wird für 6 Monate gespeichert, mit wem Du wann Mails ausgetauscht hast und mit welchem Betreff, mit wem Du wann telefoniert hast und (im Handy-Fall) von welchem Standort aus.

Ggf. werde ich dem Verkehrsminister mal vorschlagen, er solle doch die Vorratsdatenspeicherung für die Kontrolle von Geschwindigkeitsübertretungen verwenden. Das geht sehr einfach: Wenn man weiss, dass Du zum Zeitpunkt A an Ort A warst und zu, Zeitpunkt B an Ort B, dann musst Du Dich wohl mit einer Mindestgeschwindigkeit zwischen diesen Orten bewegt haben.
Das Tolle ist, dass ein simples SQL-Skript mit gleich für Millionen Verkehrsteilnehmer für die letzten 6 Monate ermittelt, wann sie wo zu schnell waren. Dank Serienbrieffunktion können Ordnungswidrigkeitsbescheide gleich kostengünstig verschickt werden.
Na, nichts zu verbergen?

Kameraüberwachung

Kurzzusammenfassung: Öffentliche Plätze werden zunehmend mit Kameras überwacht. Die Videos werden mindestens 48 Stunden gespeichert. Vergewaltiger, Randalierer und kinderschändende Terroristen ziehen sich in die nicht ausgeleuchteten Ecken zurück. Der Unschuldige wird gefilmt.

Bilderkennung ist weit fortgeschritten. Gesichtererkennung problemlos möglich. Was noch besser erkennbar ist, sind Zigarettenkippen. In Singapur kostet es 2000 Dollar, wenn man eine brennende Kippe aus dem Fenster schmeisst. Bei uns etwas weniger. Aber die Masse macht's. Warum also nicht ein kleines Progrämmchen auf den Videoservern installieren, was weggeworfene Kippen erkennt? Eine Gesichtersuche auf Facebook dürfte insbesondere bei den jüngeren zum Erfolg führen. Die Älteren fangen wir ab, sobald sie das nächste Mal auf dem Weg in den Urlaub ihren Pass vorzeigen. Als Übergangsphase kann man auch einfach eine 1-Euro-Kraft engagieren, die bei Alarm des Zigarettenkippen-Warnsystems die Person am U-Bahn-Ausgang abfängt und die 20 Euro Verwarngeld kassiert. Mit ein wenig Bilderkennungstuning kann man bestimmt dann auch auf den Gehweg kackende Hunde identifizieren. Hach, schönes sauberes Deutschland!
Na, nichts zu verbergen?

Internetzensur

Kurzzusammenfassung: Unter dem Vorwand der Kinderpronographieverfolgung wird eine Zensurinfratsruktur aufgebaut, die es ermöglicht, Webseiten über Filterlisten zu sperren. Diese Listen sind öffentlich nicht einsehbar. Ihre Umgehung ist strafbar.

Dass mittlerweile darüber nachgedacht wird, die Sperrinfrastruktur auch gleich gegen rechtsradikale Webseiten einzusetzen, war klar. Aber auch die Musikindustrie hat sich schon gemeldet. Ach, Sie laden nie illegal Musik aus dem Internet? Das macht alles Ihre 20 Jahre jüngerer Nachbar für Sie? Ja, so läuft es angeblich bei den Kinderpornos ja auch.
Aber haben Sie vielleicht auf Ihrer Firmenhomepage ein Foto eingebaut, das Sie einfach über Google gesucht haben und nicht ausreichend lizenziert haben? Dann werden Sie früher oder später wohl auch auf einer der Sperrlisten landen. Und versuchen Sie mal, da wieder ohne Imageverlust herunterzukommen! Das kann Ihnen ja heute schon passieren, dass Google Ihre Seite als "bösartig" einstuft und Sie blockt. Auch hier sind schon Fehler passiert. Aber da ist es durch ein Privatunternehmen geschehen und nicht mit Ihren eigenen Steuergeldern.
Na, nicht zu verbergen?

Sperrlisten könnten auch verwendet werden, um das Recht am eigenen Bild durchzusetzen. Wenn eine Lokalzeitung von ihrer Homepage nicht das Foto von Dir auf Anfrage löscht, kannst Du in Zukunft bei der "Bundesstelle zur Wahrung der eigenen Bildrechte" Deine Rechte unter Angabe der IP-Adresse der Zeitung und der URL des Bildes geltend machen. Innerhalb von 24 Stunden wird diese URL (oder falls technisch nicht möglich, gleich die ganze Domain) auf eine Sperrliste gesetzt. Die Zeitung muss dann erst nachweisen, dass sie das Bild wirklich gelöscht hat, bevor sie - nach weiteren 24 Stunden - wieder freigeschaltet wird.


Und wenn wir erst einmal eine Überwachungsinfrastruktur haben, müssen wir sie nur noch serverseitig vernetzen. Bis dahin ist dann auch Open Source in der Politik angekommen und wir schaffen eine API (Programmierschnittstelle), die es Computer-Kiddies ermöglicht Ihre eigenen Überwachungsskripte (Perl, Python oder Ruby) hochzuladen und "voten" zu lassen. Die coolsten Skripte werden dann in Pilotstätten erprobt und bei Erfolg bundesweit ausgerollt.
Klingt doof und absurd? Dann ladet Euch doch schon heute das "coole Tool" für Euer Nokia-Handy bei Vodafone herunter!

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Zuletzt aktualisiert: 13. Jun, 21:30